Die Leine als Beziehungsbarometer zwischen Mensch und Hund
Mit der Leine in der Hand hÀltst mehr als ein StÌck Leder, Kunststoff oder anderes Material. Du hÀltst ein mentales MessgerÀt. Jede Anspannung, jeder Ruck, jede Phase der Lockerheit zeigen Dir, wie es um das VerhÀltnis zwischen Dir und Deinem Hund bestellt ist.
Menschen betrachten einen ziehenden Hund, eine straffe Leine als ein technisches Problem und als eine BeeintrÀchtigung der persönlichen Komfortzone, welches man doch bitte abstellen muss.
Eine Erkenntnis, welche Informationen wirklich hinter einer straffen Leine stecken, findet dabei höchst selten und nicht selten auch noch fehlerhaft statt. Eine wenig erfolgreiche, ja teilweise sogar schÀdliche Trainingsarbeit ist hÀufig die Folge.
Ein ziehender Hund, eine straffe Leine sind in erster Linie erstmal eine Information an uns. Eine Information Ìber die momentane Verfassung unseres Hundes, seinen aktuellen Focus, sein VerhÀltnis zu uns in diesem Augenblick, UmwelteinflÌsse und Reize. Vielfach sprechen Hundehalter und leider auch Trainer vom ungehorsamen Hund, welchem es dann beigebracht werden muss, das Ziehen sein zu lassen. Beginnend mit dem endlos-bestechenden Vollstopfens mit Leckerlie Ìber Serien des Stehenbleibens und zahllosen Richtungswechseln hin zu seilzugartigen WettkÀmpfen und schlimmstens zu SchlÀgen, diverser Maulschlingen und einschneidender Antizuggeschirre werden unsere Hunde tagaus-tagein vom menschlichen Perfektions-Ego belÀstigt und permanent gedrÌckt, ohne die wahren Ursachen, welche vielfach in uns selbst liegen, zu erkennen. SymptombekÀmpfung wie es bereits Miguel de Servantes in seinem Roman Don Quijote und dessen tÀglichen Kampf gegen Geister und WindmÌhlen nicht besser illustrieren konnte.
»Jetzt leitet das GlÃŒck unsere Angelegenheiten besser, als wir es nur immer zu wÃŒnschen vermöchten; denn dort siehst du, Freund Pansa, wie dreiÃig Riesen oder noch etliche mehr zum Vorschein kommen; mit denen denke ich einen Kampf zu fechten und ihnen allen das Leben zu nehmen. Mit ihrer Beute machen wir den Anfang, uns zu bereichern; denn das ist ein redlicher Krieg, und es geschieht Gott ein groÃer Dienst damit, so böses GezÃŒcht vom Angesicht der Erde wegzufegen.«
Miguel de Cervantesâ Roman Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha (Originaltitel: El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha), Erster Teil (1605), Achtes Kapitel – gemeinfrei (Public Domain)
»Was fÌr Riesen?« versetzte Sancho Pansa.
»Jene, die du dort siehst«, antwortete sein Herr, »die mit den langen Armen, die bei manchen wohl an die zwei Meilen lang sind.«
»Bedenket doch, Herr Ritter«, entgegnete Sancho, »die dort sich zeigen, sind keine Riesen, sondern WindmÌhlen, und was Euch bei ihnen wie Arme vorkommt, das sind die FlÌgel, die, vom Winde umgetrieben, den MÌhlstein in Bewegung setzen.«
»Wohl istâs ersichtlich«, versetzte Don Quijote, »daà du in Sachen der Abenteuer nicht kundig bist; es sind Riesen, und wenn du Furcht hast, mach dich fort von hier und verrichte dein Gebet, wÀhrend ich zu einem grimmen und ungleichen Kampf mit ihnen schreite.«
Eine entspannte Leine ist weder Zufall noch ausschliesslich Trainingserfolg. Sie ist Sinnbild, dass Dein Hund und Du zusammenarbeiten, dass Ihr durch Dick und DÌnn gegangen seid, unzÀhlige BewÀhrungsproben gemeistert habt, Vertrauen gewachsen ist und FÌhrung aufgebaut wurde ohne Druck oder Bestechung. Die Lockerheit der Leine ist die mentale, bewusste Herzensverbindung, ohne dass gerade einer gegen den anderen arbeitet.
Beim Gehen weniger auf die Leine selbst zu achten und mehr auf das, was sie ÃŒber Dich erzÀhlt ist der SchlÃŒssel. Eine Leine, die immer wieder straff wird und ein Hund, welcher trotz höchster BemÃŒhungen stÀndig zieht, zeigt Dir mehr ÃŒber Deinen inneren Zustand und Deine Beziehungsarbeit, als das jemals ein durchschnittlicher Hundetrainer tun könnte. Warum ist das so? Schau Dir Menschen in deinem Umfeld an, beobachte sie. Wer von denen ist wirklich bewusst, wer ist wirklich im hier, wer kann wirklich gedankenfrei im Jetzt sein? Siehst Du, genau dass ist der groÃe Graben zwischen uns und dem Hund, welchen es zu bearbeiten gilt. Das ist keine Wertung, keine Verurteilung, es ist nur Bestandsaufnahme.
Die gespannte Leine als Spiegel des eigenen Seins
Wir sprechen und kommunizieren ÃŒber die Leine auf allen sensorischen Ebenen. Anspannung, Stress, das gestrige Problem im Kopf, Partnerschaftsstreitigkeiten, Unzufriedenheit, Egozentrik, Angstgedanken bei jeder kleinen Unsicherheit, alte traumatische Lebensbilder, all das und noch viel mehr ÃŒbertrÀgt sich auf Deinen Hund, noch bevor ein irgendein Wort fÀllt. Die Leine verbindet zwei Nervensysteme miteinander. Was Du bist und lebst kommt bei ihm an. Und Du und Dein Trainer glauben mit dem tÀglichen Rucksack voller Leckerlie, gleichsam als Gehalt fÃŒr gute Arbeit, oder gar mit Zerren an der Leine und diversen Körperakrobatiken gepaart mit druckvoller, ja teilweise kasernenmÀÃiger Stimmlage findet Mensch und Hund auf Augenhöhe und vertrauensvoll zueinander? Im besten Fall haben wir einen gekauften oder schlimmer noch, einen Àngstlich-gehorsamen MitlÀufer, der all das tut was wir erwarten, weil er gelernt hat dass ihm dann das geringste Ãbel erwartet ohne Alternative der mentalen Verbundenheit. Ego befriedigt, Hund ist gehorsam, Daumen hoch aller Umstehenden sei Dir sicher. Ist es das, was Du möchtest? Halte inne und höre in Dich hinein. Reflektiere.
Die Leine macht nur sichtbar und erkennbar was zwischen Dir und Deinem Hund ohnehin passiert. Sie macht Deinen Zustand und Eure Beziehung optisch und haptisch greifbar. Lerne die Leine als momentanes und zuverlÀssiges Barometer Deines Zustands und der jetzigen Situation, des jetzigen Moments zu lesen statt als egogetriebenes Werkzeug zur Kontrolle des Hundes und verÀndere damit nicht nur das Gehen mit Deinem Hund, sondern Dich und Deine Beziehung zu Hund und Umwelt.
Wie man diese Erkenntnisse, diese Verbindung gezielt aufbaut und das Wissen darÃŒber erlangen kann, welche praxisbezogenen Ãbungen fÃŒr Dich zusammen mit Deinem Hund die Leine wieder zu einem Ausdruck von Vertrauen und im besten Fall ÃŒberflÃŒssig machen, das können wir uns jederzeit gern ansehen.
Wer diesen intensiven Weg mit seinem Hund zu sich selbst gehen möchte, findet bei uns UnterstÌtzung, Wissensvermittlung und Training.
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