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Winter in Liptovská Kokava – Im Atem der Generationen



Wir besuchen zum ersten Mal im Winter das schöne Liptovska Kokava. Wir sehen die schneebedeckten Gipfel der Berge und unsere Gedanken beginnen hinauf zu fliegen…

„Gewidmet allen Frauen“




Wenn der erste Schnee die Dächer und Felder von Liptovská Kokava bedeckt, wird alles stiller – und zugleich nachdenklicher. Die Welt wirkt wie mit einem sanften Tuch verhüllt. Geräusche verlieren ihre Schärfe, Gedanken verlieren ihre Gewalt, während eine schwere Decke voller dunkler Hoffnungssuche versucht das Licht zu finden.

Am Horizont ragen die weißen Höhen der Liptauer Tatra auf, klar und unbeirrbar. Ich stehe oft am Rand des Dorfes und blicke hinauf. In ihrer Beständigkeit liegt etwas Tröstliches. Diese Berge standen hier lange vor mir. Und sie werden noch hier sein, wenn ich längst nur Erinnerung bin.




Dieser Gedanke macht mich nicht traurig. Er macht mich demütig.

Ich bin ein Mensch, ständig suchend, immer werdend. Manchmal hadere ich mit Entscheidungen, mit Unsicherheiten, mit dem Gefühl, nicht schnell genug zu wachsen. Der Winter ordnet meine Gedanken. Nichts drängt. Nichts fordert. Selbst das Werden geschieht im Verborgenen.

Wenn ich durch den knirschenden Schnee gehe, denke ich an jene, die vor mir hier gelebt haben. An meine Großeltern. An ihre Hände, die gearbeitet, getragen, aufgebaut haben. An ihre stillen Opfer, von denen ich vieles erst heute begreife. Diese Landschaft hat sie geformt – und durch sie auch mich.

Ich denke an meine Mutter.

Nicht immer stimmen wir überein. Unsere Worte finden nicht immer denselben Rhythmus. Manchmal stehen wir uns gegenüber wie zwei unterschiedliche Jahreszeiten. Und doch spüre ich hier, im Angesicht der Berge, etwas Tieferes als jede Meinungsverschiedenheit: eine Verbindung, die nicht verhandelbar ist. Eine Linie, die durch Generationen geht – leise, aber stark.

Vielleicht ist es wie mit den Bergen. Ihre Oberfläche mag sich im Licht verändern, ihr Inneres bleibt im Herzchlag der Erde verbunden.





Der Winter lehrt mich mit gütigen Augen zu sehen. Auch auf das, was mich irritiert. Auch auf das, was ich anders machen möchte als jene vor mir. Denn ohne sie gäbe es meinen eigenen Weg nicht. Ohne ihre Entscheidungen hätte ich keinen Boden, von dem aus ich neu denken darf.

In dieser Erkenntnis wächst Dankbarkeit.

Dankbarkeit für das Weitergegebene – für Werte, für Stärke, für Durchhaltevermögen.
Dankbarkeit sogar für die Reibung, die mich zwingt, meine eigene Stimme zu finden.
Dankbarkeit dafür, an einem Ort leben zu dürfen, der Geschichte atmet.

Gleichzeitig wächst meine Kraft nicht immer kämpfen zu müssen, die Dinge zu akzeptieren wie sie sind, damit diese Dinge Nährboden sein können für das, was kommt, was wachsen möchte und noch auf der Suche nach einem Halt für die Wurzeln ist.

Manchmal stelle ich mir vor, wie viele Winter diese Berge schon gesehen haben. Wie viele Frauen vor mir hier standen, mit Fragen im Herzen und Hoffnung im Blick. Ich bin nicht die Erste, die zweifelt. Nicht die Erste, die sucht. Und gewiss nicht die Letzte.

Das tröstet mich und gibt mir Zuversicht und Energie.

Unter der Schneedecke sammelt sich neues Leben. Unter der Oberfläche unserer Familiengeschichten ebenso. Wir tragen einander weiter – nicht als Kopien, sondern als Fortsetzung aller Gedanken und Hoffnungen der Generationen vor mir. Jeder Schritt von mir ist zugleich ein Schritt all jener, die mich möglich gemacht haben. Ich gehe nie allein, wir gehen alle zusammen.

Und so wandelt sich meine Melancholie langsam in Wärme.

Ich beginne zu verstehen. Zukunft entsteht nicht im Bruch, sondern in bewusster Weiterführung. In Achtung vor dem Gewesenen und Mut zum Eigenen. In der Fähigkeit, trotz Unterschiedlichkeit in tiefer Harmonie verbunden zu bleiben.

Wenn ich in die klare Winterluft atme, fühlt sich jeder Atemzug wie eine stille Danksagung an. An meine Mutter. An meine Vorfahren. An diesen Ort. An das Leben selbst.

Die verschneiten Gipfel der Liptauer Tatra leuchten im Abendlicht, und ich spüre eine ruhige Gewissheit: Ich darf wachsen, ohne zu vergessen. Ich darf meinen Weg gehen, ohne die Wurzeln zu zerschneiden. Ich darf neu werden – getragen von dem, was war.

Der Winter in Liptovská Kokava ist kein Abschied von der Vergangenheit.
Er ist ein Gespräch mit ihr.

Und aus diesem Gespräch wächst Zuversicht – warm, klar und unerschütterlich wie die Berge selbst. Das Leben fliesst aus den Bergen und an mir ist es, die schönen Ufer zu besuchen bevor wir alle ins Meer der Generationen vor uns gehen.

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